Oi Polloi – Israelhass ist kein Antifaschismus

Fire and Flames, ein Kieler Mode- und Musiklabel, veranstaltet am 1. Oktober 2016 sein zweites Festival in der Alten Meierei. Wie auch 2015 soll auf dem Festival „antifaschistische Gegenkultur“ zelebriert werden. Hierzu sind verschiedene Bands eingeladen. Teil des diesjährigem Lineup ist auch die Anarcho-Punkband Oi Polloi aus Edinburgh. Die Band wurde in der Vergangenheit häufig, wegen ihrer Äuszerungen zu Israel kritisiert und aus verschiedenen linken Räumen ausgeladen.

Die sogenannte Israelkritik

Immer wieder betreiben Oi Polloi eine beliebte Volkssportart: die sogenannte Israelkritik. Dieser „Kritik“ mangelt es häufig an jeglichem kritischen Bewusstsein und verkennt die Tatsache, dass Israel nach Jahrhunderten der Verfolgung von Jüdinnen*Juden erstmals die Chance bietet sich wirkungsvoll gegen Antisemitismus zu verteidigen. Die Gründung Israels - dem einzigen Staat der Welt, in dem Jüdinnen*Juden eine Bevölkerungsmehrheit bilden - war nach der Shoa die einzig mögliche Konsequenz. Wer Israel delegitimiert, dämonisiert oder an doppelten Standards misst, arbeitet effektiv an der Vernichtung Israels und macht Jüdinnen*Juden wieder zu einer (im besten Fall) geduldeten Minderheit.

Wie viele Friedensbewegte betonen Oi Polloi, sie seien keine Antisemit*innen. Das begründen sie damit, dass sie in ihrer Bandgeschichte mit einer israelischen Band gespielt haben und sich positiv auf den Aufstand gefangener Jüdinnen*Juden gegen ihre Deportation in Vernichtungslager im Warschauer Ghetto beziehen. 1
Mit ähnlichen Argumentationsweisen könnte mensch auch behaupten „Frei.Wild“ seien nicht deutsch-national, da sie aus Italien kommen.
Geht es dann um Israel, poltern Oi Polloi los. Israel begehe „ethnische Säuberungen“ 2 und „Konflikte“ gäbe es erst seit die „massive jüdische Einwanderung begann“. ¹ Die antijüdischen Massaker von 1920/21 im Mandatsgebiet Palästina und noch mehr die antisemitischen Pogrome von 1929 werden ausgeblendet
Der antisemitische Terrorismus, so Oi Polloi, wird als Reaktion einer „Teile-und-herrsche-Politk“ von Groszbritanien oder auf den „Siedlungsbau“ dargestellt. Auch spielten Bombenattentate Israelischen Politiker*innen quasi in die Hände bei ihrem (vermeintlichen) Versuch „Großisrael“ zu schaffen. ¹

Ein gutes Beispiel für klassisch rechte Verschwörungstheorien

Den Zionist*innen wird sogar unterstellt sie hätten 1941 mit Nazideutschland zusammengearbeitet. Der Sänger von Oi Polloi behauptet, dasz "die Zionisten in Palästina 1941 auf die Nazis zukamen und ihnen anboten, gemeinsam gegen die Briten zu kämpfen, um Hitler beim Erringen des Siegs zu helfen'. Dies bezieht sich auf die zionistische Terrororganisation Irgun Tzwa’i Le’umi, die dem revisionistischem Zionismus nahe stand. Der revisionistische Zionismus ist eine rechtsextreme und faschistische Abspaltung der Zionistischen Weltorganisation, mit dem Ziel eine jüdischen Staat in Palästina zu schaffen, bei gleichzeitiger Auflösung der jüdischen Diaspora in Europa. Dubiose Quellen dichten der Irgun Kontakte zu Hitler an. Fakt ist aber, dasz der revisionistische Zionismus und seine Anhänger*innen eine unbedeutende Rolle in der zionistischen Bewegung spielten; es ist jedenfalls strukturell antisemitisch alle Zionist*innen pauschal für die Handlungen einer kleinen Gruppe verantwortlich zu machen. Insgesamt ist die ganze Behauptung ein gutes Beispiel für klassisch rechte Verschwörungstheorien, die von Antizionist*innen verwendet werden, um eine angebliche Interessengemeinschaft von Zionismus und Nationalsozialismus zu belegen.
Das SS-Mitglied und der über seinen Tod hinaus gefeierte palästinänsischer arabischer Nationalist, Mohammed Amin al-Husseini (bekannt als Groszmufti von Jerusalem, daneben war sein wichtigstes Amt die Präsidentschaft des obersten islamischen Rats) wird hingegen als „ONE man who supported Hitler“ (ein Mann der Hitler unterstützt hat) verharmlost. 3

Für Oi Polloi ist eins klar wenn es um den „Nahostkonflikt“ geht: an allem ist Israel Schuld. Nicht die Palästinensische Gesellschaft müsse ihre autoritären Führer*innen bekämpfen und den von ihnen gelebten Antisemitismus zurückdrängen, sondern allein Israel müsse sich ändern. Die Band unterstützt hierbei den Boykott israelischer Waren als Weg, um Druck auf den jüdischen Staat auszuüben. Diese Forderung ist aus mindestens zwei Gründen problematisch. Zum einen ist „kauft nicht bei Israel“ nicht weit von der NS-Parole „kauft nicht bei Juden“ entfernt. Andererseits wird hier ein doppelter Standard deutlich. Israelboykottierende fordern in der Regel nicht, Waren aus anderen Staaten zu meiden. So könnte zum Beispiel Iran wegen seiner mörderischen Homofeindlichkeit, die Türkei wegen der Nicht-Anerkennung des Genozid an den Armenier*innen oder Deutschland wegen der Nicht-Leistung von „Entschädigung“ für Shoa-Überlebende und ihre Angehörigen und/oder von durch Zwangsarbeit ausgebeutete und ihre Angehörigen boykotiert werden. 4

2013 sagten Oi Polloi einen Auftritt auf einem Festival für Kunstfreiheit "the Kapittel International Festival for Literature and Freedom of Speech" in Norwegen ab, weil sie nicht auf der gleichen Bühne wie der israelische Botschafter auftreten wollten. Hierbei ging es nicht darum, dass es ihnen aus anarchistischer Perspektive heraus unmöglich ist, mit Representant*innen bürgerlicher Demokratien aufzutreten. Das Problem für die Band war, dass es sich bei Naim Araidi um einen israelischen Vertreter handelte. Mit solch einer Person könne sich keine Bühne geteilt werden, selbst wenn diese Gedichte vorlesen würde. Oi Polloi warfen später dem israelischen Staat vor, die Kunst aus Israel für seine (bösartigen) Zwecke zu instrumentalisieren. 5

Immunisierungsstrategie

Oi Polloi verwenden wiederholt ein Muster, als Reaktion auf an sie gerichtete Kritik. Sie behaupten ihre Aussagen seien mit israelischen/jüdischen Friedensbewegten/Linken identisch bzw. die Band zitiert diese nur. Doch ist es eine absurde Behauptung, die sagt, Jüdinnen*Juden oder Israelis könnten sich nicht auch antisemitisch äuszern.
Zudem müssen solche Aussagen auch in ihrem Kontext gesehen werden. Wenn israelische Linke z.B. die israelischen Sicherheitskräfte kritisieren, dann tun sie dies eben unter anderem weil sie selbst von Repression durch diese betroffen sind. Im hiesigen Kontext führt der Hinweis auf angebliche israelische Verbrechen zu etwas Anderem. Hier wird schnell mit dem Finger auf Israel gezeigt, mit dem Ziel die eigenen Gesellschaft zu entlasten. Vergangene Verbrechen werden mit dem Hinweis, die Nachfahren der ("angeblichen") früheren Opfer seien heute Täter*innen quasi neutralisiert. 6

Fire and Flames und die Israelhasser*innen

Trotz ihrer ständigen Hetze gegen Israel betonen Oi Polloi, dass sie nicht mit der Band Protestera aus Schweden einverstanden sind, die die Zeile „Burn Israel Burn“ geschrieben hat. ¹ ²
Protestera haben im Herbst 2015 auf dem Fire and Flames Festival gespielt, im Juli 2016 lud das Label sie wieder zu einem Konzert nach Kiel ein.
Es bleibt die Frage was das für ein Antifaschismus ist, wenn Bands eingeladen werden, die Israel brennen sehen wollen, NS-Taten relativieren und Antisemitismus als Reaktion auf das Handeln von Jüdinnen*Juden oder auf die Politik des jüdischen Staates umdeuten.







Uns erreichte eine Antwort des veranstaltenden Labels auf diesen Text.


Kritik an der Band Oi Polloi findet ihr auch hier:

http://stopoipolloi.blogsport.de

http://idiotsarewinning.blogsport.de/2009/10/20/antisemitismus-und-voelkische-traditionspflege-im-punk/

http://www.horte-srb.de/index.php/neues/item/21-absage-der-konzertanfrage-der-band-oi-polloi

https://bonjourtristesse.files.wordpress.com/2008/03/bonjour-tristesse-01-2008.pdf